Ich war in der Schule

Letzten Donnerstag habe ich einen Tag in der demokratischen Schule „Infinita“ hospitiert. Da kann man sich fragen, wieso gehe ich als Erwachsener freiwillig noch mal in die Schule?

Ganz einfach: diese Schule ist anders! Sie basiert auf Prinzipien der Selbstorganisation, Demokratie und intrinsischer Motivation. Sie ist interessant für mich als Vorbild und Inspiration für moderne Arbeitswelten. Und konsequenterweise gehen auch meine eigenen Kinder dorthin.

Ich habe mir von dem Besuch Erkenntnisse zu drängenden Fragen erhofft: In  Kulturwandel und agilen Transitions-Projekten, die wir als agile Coaches begleiten, ist die Umstellung von „Push“ auf „Pull“ Systeme die größte Herausforderung. Das eigenverantwortliche, selbstbestimmte und intrinsische Arbeiten muss von Menschen und Organisationen erst wieder erlernt werden. Und dafür ist auch eine Dekonditionierung nötig. Dekonditionierung von  13 Jahren Schule mit Pflichtunterricht, jahrelanger Arbeit als Befehlsempfänger, Befehlsgeber oder beides. Ein Leben in Freiheit will gelernt sein – oder einfach nicht verlernt sein.

Quereinsteigende Schüler*innen, die aus der Regelschule in die demokratische Schule wechseln, brauchen ca. 2 Jahre Eingewöhnungszeit, um sich in dem System der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zurecht zu finden.

Man kann sich vorstellen, dass das für Erwachsene auch nicht einfacher ist. Eine agile Transition  „par ordre du mufti“ in weniger als 2 Jahren ist demnach völlig unmöglich. Schließlich sind es sowohl die Organisation, die sich entwickeln muss, als auch die Menschen, die sich neu orientieren müssen und lernen, ihre eigene Motivation wieder zu entdecken. Das Ziel ist „glückliches Arbeiten“, um das eigene Leben leben zu können.

Ein wesentlicher Aspekt, weshalb die demokratische Schule so funktioniert wie sie funktioniert, sind die Lernbegleiter. Soweit ich das erleben durfte, üben sie tatsächlich keine Macht über die Schüler*innen aus. Sie bestimmen nicht, sie gehen in Beziehung! Und das ist der entscheidende Unterschied.

Mein Sohn hat bis heute nicht das Wort „Erziehungsberechtigter“ verwendet. Er sagt immer, wir Eltern wären seine „Beziehungsberechtigte“. Das rührt mich und macht mich auch ein bisschen stolz. Denn genau das möchte ich für ihn sein. So erfährt er es auch in der Schule. Und so habe ich es bei meinem Schulbesuch auch erlebt:

  • Konflikte werden auf Augenhöhe ausgetragen
  • Die Freiheit und Bedürfnisse der Schüler*innen und Lernbegleiter*innen werden gleichermaßen von allen respektiert und verhandelt.
  • Konflikte werden durch Schlichter oder in dafür geschaffenen Gremien geklärt.
  • Regeln werden gemeinsam beschlossen, die das Zusammensein in der Schule organisieren.
  • Ich habe keine Angst bei Schüler*innen und Lernbegleiter*innen gesehen. Keine Angst vor Autoritäten, vor Fehlern, vor Konflikten oder sonstwas. In diesem Klima hat Selbstbestimmung Raum.

Das Konzept „Beziehung statt Machtausübung“ sollten Führungskräfte in Unternehmen adaptieren. Die Ausübung von Macht und Herrschaft sind mit agilen Werten nicht vereinbar. Echte Beziehungen auf Augenhöhe, die Bereitschaft zur Auseinandersetzung und klare gemeinsam aufgestellte Regeln müssen an die Stelle von Weisungen  treten.

Ich wünsche allen Organisationen und Menschen viel Spaß beim Weg in die „Neue Arbeitswelt“.

Aber vor allem freue ich mich, dass es so etwas Fantastisches wie demokratische Schulen tatsächlich gibt, in denen Kinder nicht konditioniert werden, Weisungen auszuführen und dies als selbstverständlich hinzunehmen,  nicht mehr konditioniert werden für eine Arbeitswelt, die längst überholt ist und nicht mehr existieren wird, wenn diese Kinder erwachsen sind.

Infinita Konzept

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